Eine originale Guggemusik in Hessen

Was hat Ebbelwoi mit Guggemusik zu tun? Nun, normalerweise nichts, wäre da nicht…..  ja, wäre da nicht die 1. Hessische Gugge-Musiker-Clique, die „Kinziggeister“.

Seit 1980 und damit über 34 Jahren treibt diese, mittlerweile 35 Masken starke Truppe ihr schräglautmusikalisches und konfettireiches Unwesen auf hessischen Straßen und Plätzen, in Sälen und Hallen.

Den Zuhörern gefällts, denn die Popularität der „Kinziggeister“ wächst von Jahr zu Jahr.

Da, wo man sie kennt, werden sie jubelnd empfangen. Wo sie zum erstenmal aufkreuzen, herrscht zunächst oft ungläubiges Staunen, kurz darauf eine gewisse Hilflosigkeit und anschließend meist überschwappende Begeisterung, wenn die unter Volldampf stehende Truppe unter Tambourmajor Madlen Pfarr die anwesende närrische Gesellschaft gnadenlos von den Stühlen reißt.

Dabei fing alles ganz bescheiden an. Die gebürtige Luzernerin Elfi Butz und der Gelnhäuser Harald Kuhn scharten 1980 ein paar ihrer Fallschirmsportkameraden vom Aeroclub Gelnhausen um sich und gründeten die erste hessische Guggemusikclique, eine in Elfis Schweizer Heimat weit verbreitete Tradition. Bläser waren zunächst Fehlanzeige, man zog rasselnd, trommelnd, klappernd und pfeifend durch die Gelnhäuser Gassen, zunächst noch mehr belächelt als ernst genommen. 1983 stieß ein weiterer Fallschirmspringer zur Truppe, Helmut Meier, ein in Inzlingen (bei Lörrach) aufgewachsener gebürtiger Erlenseer, der dort die Guggemusik mit der Muttermilch einsogen hatte. Er brachte gleich noch ein paar Bläser aus dem damals sehr jungen Erlenseer Posaunenchor mit. Zwei Posaunisten aus Steinau machten den Blechbläsersatz komplett und so gerüstet waren den musikalischen Möglichkeiten kaum noch Grenzen gesetzt. Auch den geographischen nicht, denn schnell waren die „Kinziggeister“, wie sich die Clique von nun an nannte, über Gelnhausen hinaus bekannt und beliebt. Umzüge in Hanau und Frankfurt, später u.a. in Heddernheim, Büttelborn, Wetzlar, Wiesbaden und Dieburg folgten, die Gruppe wurde zunehmend für Inthronisierungen, Sitzungen und Maskenbälle engagiert. Auftritte beim Hessischen Rundfunk und in der Alten Oper Frankfurt bestätigten ihren Erfolg. Schließlich wurde auch die Politprominenz auf die „Kinziggeister“ aufmerksam. Da die Clique sozusagen den Kreis im Namen trägt übernahm Landrat Eyerkaufer a.D. die stille Schirmherrschaft und auf Einladung des damaligen Außenministers Joschka Fischer begab sich die Truppe zum Sommerfest der hessischen Landesvertretung in Bonn, um Politikern aller Couleur mal kräftig einzuheizen.

Hier bekam die Clique auch ihren einzigen „Dämpfer“. Ein Abstecher zur bayerischen Landesvertretung endete mit einem Rauswurf durch den ehemaligen Finanzminister Theo Waigel. Die Musik war ihm wohl zu wenig lederhosenorientiert. Der Mann war nicht nur in finanzieller Hinsicht humorlos.

Sonst aber trübte und trübt bis heute nichts den strahlenden Aufstieg der „Kinziggeister“ zu einer Karnevalsattraktionen im Rhein-Main-Gebiet. Es ist nunmal tief beeindruckend, wenn 35 voll maskierte, kostümierte und instrumentenbewehrte Gestalten die Bühne betreten und im nächsten Moment ein musikalisches Feuerwerk entfachen, dessen Rhythmus und Originalität einfach keinen kalt läßt. Die gewollt schiefen Klänge stören da niemanden, ganz im Gegenteil. Selbst die gelegentliche Überschreitung der Ohropax-Benutzungsgrenze wird klaglos hingenommen und viele erinnern sich nach einer Veranstaltung noch gerne an die „Kinziggeister“, wenn das heimische Badezimmer einen neuen Konfetti-Teppich bekommt und die letzten dieser bunten kleinen Läppchen aus entlegenen Körperregionen entfernt werden müssen. Das gehört nun mal dazu und kommt manchmal auch ganz unverhofft, denn eine selten gewordene aber sehr beliebte Spezialität der Clique sind ungeplante Überraschungsauftritte an allen möglichen und unmöglichen Orten. Wenn es denn der gut gefüllte Terminplan zuläßt.

Auch in Zukunft werden die „Kinziggeister“ zu Fassenacht die Hessen zum Singen, Klatschen, Tanzen und Schwitzen bringen, denn selbst nach über 25 Jahren zeigt die Clique noch keine Ermüdungserscheinungen, wenngleich es oft schwierig ist, neue Mitspieler zu gewinnen. „Des kann isch net“, hört man immer wieder von potentiellen Kandidaten. Dabei ist nicht so wichtig ein Instrument exakt zu beherrschen, sondern vielmehr ein bißchen musikalischen Witz zu haben und viel Lust auf Spaß und Feiern mitzubringen. Überhaupt wäre in Hessen viel Platz für ein oder zwei weitere Guggemusikcliquen. Die Nachfrage ist da.

Wollen wir hoffen, daß sich auch zukünftig genug Menschen finden, die diese tolle Sache am Leben erhalten. Denn eines kann man sich im Main-Kinzig-Kreis und darüber hinaus sicher nur sehr schwer vorstellen – die fünfte Jahreszeit ohne die „Kinziggeister“.

Harald Betz